Weine nicht... ich komme wieder

über Realität und Wunschdenken, Trauer und Trost

Sie nannten mich Nelli. Geboren wurde ich im Frühjahr 2018 in einem Gitterkäfig irgendwo in Niederbayern, Ortschaft Saldenburg. Wir standen zu der Zeit bereits gestapelt in Käfigen in einer Waschküche. Wir, eine 11köpfige Kaninchen-Großfamilie.


Am Anfang waren es zwei. Zwei junge Kaninchen aus dem Baumarkt.


Geschlechtskontrolle vor Verkauf? Fehlanzeige. Und es wiederholt sich das ewig gleiche Drama, Spontankauf, Kaninchenwissen Null, Beratung Null, dafür reichlich schlechte Ratschläge, Verstand Null. Interesse schwindend. Versorgung unzulässig. Vermehrung ungebremst. Überforderung zunehmend. Und die Käfige stapeln sich.


Zu unserem Glück griff der Tierschutz ein. Bayern rockt Kaninchenhilfe e. V. befreite uns aus dieser Haltung. Wir kamen auf Pflegestellen, wurden geimpft, die Herren kastriert und dann ging es ab in die Vermittlung.


Ich war die brave unterwürfige Nelli. Zumindest hatte ich mir dieses Image sorgfältig aufgebaut. Den Menschen gegenüber sehr zutraulich schlossen sie mich sofort in ihr Herz. In der Pflegestelle hatte ich wechselnde Mitbewohner, auch Mädels, mit denen ich mich gut vertrug. Schweren Herzens musste ich sie alle wieder ziehen lassen, wenn sie ihr Endzuhause fanden.


Schließlich kam auch ich an die Reihe. Ich zog nach München in eine Kaninchengruppe. Gruppe ist anders als Zweierhaltung. Es funktionierte leider nicht so gut. Die Menschen glaubten, ich wurde gemoppt. In Wirklichkeit war es ein wenig anders. Ich sehe mich nicht gerne auf dem 2. Rang oder tiefer. Ich will auf Rang 1 und das richte ich auch immer so ein. Zuerst mal nachgeben und die anderen Häsinnen vorlassen, aber dann beharrlich bleiben und immer wieder probieren, ob es nicht doch geht. Schnell wurden die neuen Freundinnen sehr sauer auf mich und dann hieß es, ich würde gemoppt. Ich schien das Opfer zu sein und wurde reichlich bemitleidet. Leider hatte ich nichts davon, denn ich musste wieder ausziehen und kam mit vielen Bisswunden zurück zu Bayern rockt.


Die zweite Vermittlung wurde mein Endzuhause. Ich lernte Finn kennen, einen sehr netten Kaninchenmann. Schnell eroberte ich sein einsames Herz. Hinter einem Zaun lebten 5 weitere Kaninchen, Lotti, Emeran, Paula, Crain und Kora. Nach einer Zeit wechselten Crain und Paula zu uns und ich schaffte es wieder, die Nase knapp vor Paula zu haben. Trotzdem liebte ich meine neue Freundin und wir kuschelten viel und lebten glücklich mit den beiden Jungs.


Nur immer dann, wenn es bei mir mal zwickte, musste ich Paula klarmachen, dass sie nicht mal dran denken darf, mir den Rang streitig zu machen. Und es zwickte öfter bei mir im Bauch. Irgendwann wurde es schlimmer und dann unerträglich. Ich stellte sofort das Fressen ein. Ich kam ins Krankenhaus. Und das ganze dreimal in kurzen Abständen.


Dort im Krankenhaus hatten sie Methoden, um tief in meinen Bauch zu schauen und sie sahen gleich mehrere Probleme.

Darmschlingen die grundsätzlich in Unordnung geraten waren, eine hing ein Stück weit sogar im Brustraum, wo kein Darm jemals hingehört. Meiner schon, er hatte sich durch ein kleines Loch im Zwerchfell in den Thorax geschoben. Das Loch ist ein Fehler der Natur. Eine angeborene Zwerchfellhernie.


Und eine meiner Nieren war unglaublich groß. Aufgetrieben und aufgestaut. Das erklärte die immer wieder kehrenden schrecklichen Schmerzen. Ob und wie das mit der Hernie zusammenhängt blieb unklar.


Muss man sich eigentlich noch wundern bei meinen Genen? Ihr erinnert euch, aus 2 wurden 11 und massive Inzucht bestimmte meinen genetischen Code.


Ich wurde schlafen gelegt und die zerstörte Niere entfernt. Die OP verlief dramatisch. Die Sorgfaltspflicht erfordert es, dass der Chirurg sich zuerst vom Vorhandensein der gesunden Niere überzeugen muss, bevor er die kranke Niere entfernt. Meine gesunde Niere lag jedoch gut verborgen. Schließlich wurde sie gefunden, zu weit oben direkt unter dem Thorax. Darüber war viel Zeit in Narkose verstrichen und es wurde knapp. Gerade noch rechtzeitig schaffte man die Entfernung der kranken Niere.


Die Zwerchfellhernie blieb unangetastet. Erstens weil die Zeit nicht reichte und zweitens, weil eine OP der Zwerchfellhernie beim Kaninchen zur dieser Zeit 2021 nicht genügend erprobt war und oft mit Tod in der Aufwachphase endete und es nur in Berlin an der Hochschule für Tiermedizin damals ein Studienprojekt zur Zwerchfellhernie beim Kaninchen mit experimentellen Operationen gab.


Nach der Nephrektomie ging es mir wesentlich besser. Lange Zeit hatte ich keine Beschwerden.


Leider gingen Finn und Paula noch im gleichen Jahr mit dem schwarzen Kaninchen des Todes.


Danach wurden unsere beiden Gruppen zusammengeführt in einer legendären Vergesellschaftung, die 4 Monate dauern sollte.


Kora war nicht das Problem, da sie freiwillig auf Rang 3 ging. Aber Lotti. Lotti glaubte der Rang 1 ist ihr angeboren nur weil sie groß und weiß ist. Ich sah das anders und wir diskutierten von Januar bis Mai 2022. Dann schlossen wir Waffenstillstand und kuschelten. Doch die Rangfrage wurde nie geklärt.


Unsere neue Freundschaft steckte voller Sprengstoff, der bei jedem Anlass hochging. Februar 2023 musste ich sogar notversorgt werden nach einem schlimmen Streit mit Lotti. Ein Kaninchenbody mit Bein (Sonderanfertigung von Gerti Walden) rettete mir damals das Leben. Mit diesem Body konnte die große Wunde am Oberschenkel endlich heilen.


Trotz solcher Eskapaden hatten wir eine schöne Zeit zu fünft in unserer Gruppe.

Bis im November 2023 zu unser aller großer Schock Lotti vom schwarzen Kaninchen des Todes gerufen wurde. Ich habe meine große weiße Freundin sehr vermisst.


Meine eingeklemmten Darmschlingen meldeten sich auch wieder zurück. Mittlerweile war es traurige Gewissheit, dass ich pünktlich zu jedem Fellwechsel meine Aufgasungen hatte. Das viele Fell musste durch verengte Passagen geschoben werden und es hakte immer öfter.


Auch am 13. September 2024. Diesmal war es besonders schlimm. Ernste Gesichter, als sie mich spätabends in der Tierklinik aufnahmen. Die Nacht war schlimm. Trotz Intensivtherapie verbesserte sich mein Zustand nicht bis zum frühen Morgen. Mein Kreislauf kurz vor dem Zusammenbrechen. Eine Not-OP wurde erwogen, aber verworfen. So erhielt ich meine letzte Spritze, den Freiflug über den Regenbogen. Ich spürte keinen Schmerz mehr, ich fühlte mich leicht und sorglos, ich traf Finn, Paula und Lotti wieder und ich wollte jenseits des Regenbogens bleiben.


Ein Teil von mir war noch an meinen sterbenden Körper gebunden. Die Seele löst sich in einem Prozess über Tage. Als meine Menschenmama in die Klinik kam um meinen Körper abzuholen, spürte ich ihre große Trauer. Sah ihre Tränen. Erlebte ihre Verzweiflung. Sie haderte so sehr. 6 Jahre ist zu früh zum Sterben. Sie nahm mich in ihre Arme und bettete meinen Körper zuhause auf den großen Tisch. Dort ruhte ich 3 Tage und meine Menschenmama nahm Abschied. Doch es war zu schwer. Meine Menschenmama hat viele von uns begraben. Um mich hat sie gekämpft. Oft und immer wieder. Ich wusste, dass sie diesmal einen besonderen Trost brauchen würde.


Und ich sandte meine Seele aus und meine Seele fand, nicht weit entfernt nach eurer Vorstellung von Raum und Zeit, eine Kaninchenmama, die eben ein Nest baute.


Als in den frühen Morgenstunden des 17. September 2024 ein Wurf neugeborener Kaninchenbabys in dieses Nest gelegt wurde, war ich unter ihnen. Meine Seele war eins geworden mit einem neugeborenen Körper. Ich war wieder ein junges Kaninchen, weiblich. Nun musste ich nur noch Sorge tragen, dass dieses Kaninchenkind den Weg zu meiner früheren Menschenmama fand. Was kompliziert klingt ist für Seelen und die Vorsehung einfach. Ich leitete die Dinge und gab meiner Menschenmama den Impuls, zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Seite im Internet zu besuchen. Dort stieß sie auf mein Foto und an meinem Blick erkannte sie mich.


Es dauerte nicht lange da tauchte tatsächlich meine frühere Menschenmama bei uns im Stallgang auf. Wo ich als junges Kaninchenkind mit anderen Jungkaninchen in einer Stallbox einquartiert war. Ich sprang zum Gitter und drängte mich vor alle anderen, um sie zu begrüßen. Keinerlei Scheu hatte ich, schließlich kannten wir uns aus dem Leben zuvor.


Mein Foto in der Verkaufsanzeige hatte sie magisch angezogen. Sie schaute kein anderes der jungen Kaninchen an, nur mich. Sie erkannte mich. Ich erkannte sie.


Mein neuer Körper ist eine neue Chance. Diesmal trage ich keine Schäden durch Inzucht. Keine Zwerchfellhernie. Mein Fellkleid trägt meine alten Farben in einem neuen Muster. Endlich kam ich wieder nach Hause, es war der 7. Januar 2025. In meine frühere Gruppe mit Crain, Emeran und Kora habe ich mich stressfrei eingefügt. Die Vergesellschaftung war einfach. Ich bin nicht traumatisiert wie so viele Kaninchen. Ich bin neu geboren mit alten Erinnerungen und altem Wissen. Ich lebe und liebe nahtlos weiter, meinen Crain, meinen Emeran und komme gut mit Kora aus. In meinem neuen Leben lasse ich ihr von Herzen gerne den Vortritt auf Rang 1, denn ich bin aus Erfahrung klug geworden. Meine Menschenmama erfreue ich mit großer Zutraulichkeit, Verspieltheit und Neugier. Seitdem lächelt sie viel und fühlt sich sehr getröstet.


Mein neuer Name ist Qwen.


Aufgeschrieben im Mai 2026

Klarah z